WEGE & PFADE

Wüster Bau in Wüsteneutzsch

Die unfertige Schleusentreppe

Neben dem Lindenauer Hafen gehört die Schleusentreppe in Wüsteneutzsch bei Merseburg zu den größten Bauwerken, die mit dem unvollendeten Elster-Saale-Kanal errichtet wurden. Mit ihr sollten 20 Meter Höhenunterschied auf dem Weg zur Saale bewältigt werden.

Schleusenruine in Wüsteneutzsch
Zeitzeugen in Stahlbeton: Die Ruine der Schleusentreppe in Wüsteneutzsch ist deutschlandweit die einzige ihrer Art

Das halbfertige Schleusenbauwerk scheint die perfekte Illustration des alten Ortsnamens Wüsteneutzsch abzugeben. Kriegsbedingt blieb hier das 1933 begonnene Kanalbau-Projekt unvollendet. Beide Endpunkte der neuen Kanalstrecke lagen damit auf dem Trockenen. Während Speicher und Hafengelände in Leipzig auf andere Weise auch ohne Wasseranschluss genutzt werden konnten, verblieb in Wüsteneutzsch nur eine Bauruine. Dass das Bauwerk überhalb halbfertig werden konnte, stand in der Planungsphase noch nicht fest, ursprünglich war die Errichtung eines Schiffshebewerkes geplant.

Schiffshebewerk Rothensee bei Magdeburg
Das 1938 eröffnete Schiffshebewerk Magdeburg-Rothensee - Die Technologie des Spindelantriebes entwickelte der Leipziger Konstrukteur Rudolf Mussaeus

Parallele Großprojekte

Dabei kommt die Verbindung zum nahezu zeitgleich entstandenen Schiffshebewerk in Magdeburg-Rothensee nicht von ungefähr. Die Anlage am Mittellandkanal war in ihren Abmessungen von 12 Metern Breite und 85 Metern Länge ebenfalls für die damals modernsten Schiffe der 1000-Tonnen-Klasse ausgelegt. Ein Schiffshebewerk hätte jedoch die Baukosten des geplanten Kanals mehr als verdoppelt, die Überwindung der Fallhöhe von zweimal elf Metern wäre zudem technisches Neuland gewesen. Bei dem zu erwartenden Schiffsaufkommen auf dem Elster-Saale-Kanal erschien eine Schleusentreppe als ausreichend.

Seitenansicht Schleusenkammer
Hier sollte die obere (nördliche) der beiden Sparkammern der Oberschleuse entstehen

Überlauf Sparbecken
Allein für die obere der beiden Schleusen verbaute man rund 20.000 Kubikmeter Stahlbeton

Das Kanalbauprojekt stand nicht allein: Als Südflügel des Mittellandkanals sollte die Schiffsverbindung zwischen Leipzig und der Saale entstehen, zeitgleich zum letzten Abschnitt des Mittelland-Kanals am Wasserstraßenkreuz Magdeburg. Beide Großprojekte kamen kriegsbedingt im Februar 1943 zum Erliegen. Während das Wasserstraßenkreuz Magdeburg im Rahmen der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit im Jahr 2003 vollendet wurde, blieb am Leipziger Kanal und der Schleusentreppe in Wüsteneutzsch die Zeit stehen.

Überlauf Sparbecken
Unmittelbar neben der Schleusenkammer bietet sich der Blick durch den Überlauf des höher gelegenen Sparbeckens

Überlauf Unterhaupt
Die unfertigen Stahlbeton-Bauten der Oberschleuse bieten spannende Einblicke

Kammerwand
Beeindruckend sind die Dimensionen der Schleusenruine, die Kammerwände weisen eine Höhe von 16,20 Meter auf

Oberhaupt der Schleuse
Das Oberhaupt der Oberschleuse, von hier aus wäre es zweimal 11 Meter nach unten gegangen

Kammer Oberschleuse
Blick in umgekehrter Richtung: Vom Unterhaupt der Oberschleuse in Richtung Leipzig

Aufgeschoben - aufgehoben

Eine Fortführung der unterbrochenen Arbeiten am Kanal sollte bald nach dem Endsieg erfolgen. Doch das zu 75 Prozent fertige Großprojekt war bereits durch die Entwicklung eingeholt. Leipzigs Industrie war durch Eisenbahn und Schiene ausreichend gut erschlossen, Investitionen an anderer Stelle sinnvoller. Auch aus heutiger Sicht erscheint eine Vollendung ökonomisch unsinnig. Das touristische Interesse an einer Wasserstraßen-Anbindung Leipzigs beschränkt sich auf einige wenige Sportbootfahrer. Ausflugslinien auf der Saale sind inzwischen pleite oder bis zur Marginalität geschrumpft.

Blick auf Oberschleuse
Blick von der oberen Seite auf die Schleusentreppe, bis zur Saale bei Kreypau bleibt gut ein Kilometer Luftlinie

Profiliertes Kanalbett
Knapp zwei Kilometer bereits profilierte aber ungeflutete Kanalstrecke enden kurz vor Wüsteneutzsch

Widerlager Straßenbrücke
Von der letzten Straßenbrücke vor der Saale blieben nur die Widerlager, der Rest wurde als Reparationsleistung demontiert

Manches Trennende

Auch mit den kursierenden Namen des unvollendeten Kanalprojektes bestehen scheinbar nicht zu überwindende Probleme. Die den Leipzigern als Elster-Saale-Kanal und den Anhaltern in exakt umgekehrter Reihenfolge als Saale-Elster-Kanal vertraute Wasserstraße heißt offiziell Saale-Leipzig-Kanal. Diese hochoffizielle Umzeichnung erfolgte mit Wirkung vom 24.03.1999. Von beiden Bevölkerungsgruppen werden sowohl der neue Name als auch die alte Bezeichnung der jeweils anderen Gruppe abgelehnt oder bestenfalls strikt gemieden. Das Verzeichnis der sonstigen Binnenwasserstraßen des Bundes führt das mitteldeutsche Kanal-Fragment vergleichsweise neutral unter der laufenden Nummer 6901.

Verbotsschild Schleusenruine
Wer das Adjektiv strompolizeilich noch nicht kannte, ist jetzt zwar nicht unter Strom, aber immerhin im Bilde


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