Verfall im stolzen Tudorstil


Die Maschinenbau-Fabrik Swiderski

  INDUSTRIE   18 | 3:45 Min

Die neogotischen Fabrikgebäude der Maschinenbaufabrik Swiderski mit ihren Klinkerfassaden und dem markanten Backsteinturm schuf der Architekt Eduard Steyer im Jahr 1888. Der Wirtschaftsboom jener Zeit ließ auch für solche extravaganten Lösungen noch Platz.

Fabrikruine hinter Zaun
Hinter dem inzischen geklauten Zaun erhebt sich der markante Industriebau im Tudorstil

Die Firma Swiderski entsteht 1867. In jenem Jahr wird Philipp Swiderski Mitglied des preußischen Vorbereitungskomitees zur Pariser Weltausstellung. Der in Leipzig geborene Sohn eines Beamten aus dem westpreußischen Marienburg ist wohl das, was man heute einen erfolgreichen Netzwerker nennt. Auf der Weltausstellung ist er ein aufmerksamer Beobachter, knüpft Kontakte und besichtigt auch die großen Pariser Dampfgerbereien. In seiner frisch erworbenen Werkstatt im Graphischen Viertel in Leipzig beginnt auch er mit der Produktion von Lederverarbeitungsmaschinen.

Reste Werkstor
Die Reste des Tors zum Anwesen sind ohne Zaun im Niemandsland stehen geblieben 
Gusstreppe in Fabrik
Die Treppe ins Obergeschoss benutzten seit Jahtzehnten wohl nur betriebsfremde Personen
Verlassenes Treppenhaus
Dasselbe Treppenhaus von der anderen Seite im Winkel der ruinösen Fabrikhalle gesehen
Leere Produktionshalle
Die Halle entstand durch Überdachung des Hofes – für Aufträge musste man expandieren
Fahrrad im Hallendach
Jahrzehntelange ungehinderte Vermüllung sorgte auch für manche Kuriositäten

Innovationen und Umzüge

Swiderski hat Erfolg, der ihn in diesem Umfang sogar selbst überrascht. Bald ergänzen Druckereimaschinen das Portfolio seiner Werkstatt, die nach vier Jahren in die Talstraße umziehen muss. Die Firma wächst weiter, baut bald auch Dampfmaschinen und Lokomobile. Swiderski lenkt nicht allein die Geschicke seiner Firma, sondern ist auch an der Kontruktion und Verbesserung seiner Produkte beteiligt.

Backsteinverkleideter Wasserturm
Trutzig steht der Wasserturm der Fabrikanlage mit seinen Flankierungstürmchen gegen die Zeit
Fensterfront ohne Dach
Durch manche der Fenster lässt der Verfall den Blick gleich direkt himmelwärts gehen
Bäumchen an Fassade
Die Zeit hat tiefe Narben hinterlassen, den Rest holt sich nun schrittweise die Natur
Fassadenecke der Ruine
Nach dem Teilabriss eines Anbaus wendet sich die Innenseite der Fabrikhalle nach außen

Umzug ins Industrierevier

Mit der Erschließung und Industrialisierung des Leipziger Westens bietet sich für Philipp Swiderski ein erneuter Umzug an. In der Zschocherschen Straße 78 wächst auf einem eineinhalb Hektar großen Grundstück eine großzügige Fabrikanlage, Gleisanschluss inklusive. Es entsteht ein repräsentativer Klinkerbau im Stil des Tudor revival, der im Zuge des Historismus zu neuer Blüte kommt. Was repräsentative Schlossbauten ziert, kann für eine erfolgreiche Maschinenbaufabrik nur gut genug sein. Roter Backstein und Zinnen sorgen für das passende herrschaftliche Aussehen. Doch die historisierende Eleganz bleibt der industriellen Funktionalität verhaftet.

Straßenseite des Ensembles
Auf dem teilweise beräumten Gelände begegnen sich Natur, Verfall und verblichene Architektur
Müllberge in Halle
So sieht es aus, wenn mitten in der Stadt über Jahrzehnte keine Sicherung des Objektes erfolgt
Fassade im Inneren
Von Zeit zu Zeit gestaltet auch noch der Sonnenschein die Wände der verwaisten Hallen
Zustand nach Großbrand
Von einer der Fabrikhallen stehen nach mehreren Großbränden nur noch die Fassaden

Auf Wachstumskurs

Am neuen Standort Leipzig-Plagwitz widmet sich die aufstrebende Firma auch der Produktion schnelllaufender Dampfmaschinen. Noch ist Platz für Erweiterungen, im Jahr 1892 entsteht eine eigene Gießerei, dazu ergänzt ein Lagergebäude die Haupthalle. Das Portfolio erweitert sich bald um so genannte Petroleum-Motoren, heute despektierlich unter Verbrenner laufend. Man expandiert, verbessert und bleibt erfolgreich – Noch in den 1920er Jahren verbauen Fahrzeugbaubetriebe Petroleummotoren der Bauart Swiderski. Das gut laufende Unternehmen firmiert 1894 in eine Aktiengesellschaft um. Als Otto Ludwig Philipp Swiderski im Jahre 1906 stirbt, agiert die Maschinenbau-Aktiengesellschaft vorm. Ph. Swiderski bereits seit Jahren erfolgreich am Markt und beschäftigt mehr als 300 Arbeiter.

Werbung an Fassade
Was heutzutage als Branding durch TV und Internet wabert, stand einst an Häuserfronten
Fassade und Schornstein
Als verblasste Symbole des Industriezeitalters stehen Schornstein und Kontorgebäude in der Zeit

Immer so weiter

Durch mehrere Verkäufe und Umfirmierungen entsteht Ende der 1920er Jahre die Georg Spieß Maschinenfabrik, die sich am Plagwitzer Standort dem Bau von Druck-, Falz- und Bogenanlegermaschinen widmet. Das Werk ist im Krieg von alliierten Luftangriffen betroffen, rund zwei Drittel der Produktionshallen sind bei Kriebsende zerstört. Nach dem Wiederaufbau wird der Betrieb 1953 verstaatlicht und als VEB Bogenanlegerwerk geführt. Der Bau von Druckereimaschinen läuft weiter. Die 1980er Jahre erlebt die Fabrik als Betriebsteil III des VEB Druckmaschinenwerk Leipzig. Bald nach der Wende ist dann auch hier endgültig Schluss. Klassische Druckereitechnik – noch dazu aus Deutschland – rechnet sich nicht mehr. Seither liegt das Mitte der 1990er Jahre an die Münchner Rübsam-Gruppe verkaufte Areal brach.

Von Zeit zu Zeit aber sprießen Pläne und ranken sich hehre Ideen: Wohneinheiten, Schulstandort, Kulturzentrum ... Wirklich gewachsen sind am Standort nur Müllberge und Unkraut.

Straßenzug mit Ruine
Swiderski passt nicht mehr ins hippe Ambiente der architektonischen Industriebezüge
Die Wertstoffcontainer an der Markranstädter Straße sorgen für passendes Ambiente in der Realität
Ende 2025 haben sich dunkle Woklen über dem markanten Lost Place zusammengezogen