Lost Place wie eine Kathedrale


Geheimnisvolle Ruine auf Usedom

  MILITARIA   17 | 4:45 Min

Noch vor den Urlaubern entdeckten Militärs die Insel Usedom. Der einst abgelegene Norden wurde Standort einer riesenhaften Versuchsanstalt. Der Gigantismus der Anlagen war kein architektonisches Programm, sondern erwuchs aus dem technischen Größenwahn der Planungen.

Hof des Kraftwerks mit einem Nachbau der A4-Rakete in ihren schwarz-weißen Testfarben
Bei der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde drehte sich alles um die Entwicklung der Großrakete A4
Leerer Straßenzug mit Wildwuchs entlang an der massiven Ruine des Sauerstoffwerkes mit ihren roten Klinkern
Im Straßenbild des einstigen Militärstandortes steht das Sauerstoffwerk als Fremdkörper

Im Mittelpunkt der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Peenemünde stand die Großrakete Aggregat 4. Als erste ballistische Fernrakete kam sie im Luftkrieg gegen England zum Einsatz und überwandt bei Testflügen die Grenze zum Weltraum. Im Sommer 1944 erhielt sie von Propagandaminister Goebbels mit Vergeltungswaffe 2 ihren Populärnamen.

Hightech Baujahr 1942

Angetrieben wurde die A4-Rakete von einem Flüssigkeitstriebwerk mit Ethanol und Flüssigsauerstoff. Etwa vier Tonnen Sauerstoff verbrannten mit vier Tonnen 75prozentigem Alkohol bei jedem Start. Das erste Sauerstoffwerk reichte für den gestiegenen Bedarf der Heeresversuchsanstalt bald nicht mehr aus. Im Jahr 1942 ging das Sauerstoffwerk II in Betrieb. Die Produktion lief bis Kriegsende, seit seiner Demontage steht der rote Klinkerbau als Ruine. Zur Zeit des Baues waren Technologie wie Fabrik europaweit einmalig.

Ebenerdiger Blick aus massives Betonskelett einer weiträumigen Pfeilerhalle des Verladebereichs
Architektonisch nimmt der mehrschiffige Bau Anleihen an Grundrissen europäischer Kathedralen

Die Sauerstoffherstellung beruhte auf dem Linde-Verfahren, das bei -183 °C Luft in ihre Bestandteile zerlegt und Sauerstoff verflüssigt. Die Anlage errichteten Spezialisten der Firma Messer & Co. aus Griesheim bei Frankfurt. Das Verfahren war sehr energieintensiv, allein 22 der 30 Megawatt des nahen Kraftwerks benötigte das Sauerstoffwerk. Im Dauerbetrieb konnten täglich bis zu 13 Tonnen des Oxydators gewonnen werden.

Anleihen an sakraler Architektur

Ungewöhnlich war auch das äußere Erscheinungsbild des Sauerstoffwerkes. Der mit dunkelroten Ziegelsteinen verklinkerte Bau war in Stahlbeton-Skelettbauweise ausgeführt. Das Gebäude weist zudem eine sakrale Baustruktur auf. Auffällig ist der fünfschiffige, asymmetrische Grundriss mit neun Jochen, der dem Grundriss einer Basilika entspricht. Auch die Gebäudehöhe von knapp 21 Metern unterstreicht den sakralen Charakter. Das Sauerstoffwerk als auch das Kraftwerk blieben von Luftangriffen verschont, wenngleich von alliierter Seite die Zerstörung der Anlagen geplant war.

Blick auf fehlendes Dach über Betonträgern einer großen leeren Halle mit bemoostem Boden
Das nicht vorhandene Dach bietet gute Wachstumsbedingungen in monumentaler Kulisse
Große leere Halle mit massiven Betonkonstruktionen im Boden und emporgewachsenen kahlen Bäumen dazwischen
Die technischen Anlagen demontierte man für die Errichtung eines neuen Sauerstoffwerkes
Verbliebene massive Betonträger im Boden der Großen Halle
Die massiven Betonträger lassen die Wirkungslosigkeit der Sprengversuche erahnen

Nach dem Krieg wurden auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration die technischen Anlagen demontiert und in Bützow nahe Güstrow bei der Errichtung eines neuen Sauerstoffwerkes wieder verwendet. Erste Sprengungen scheiterten an der stabilen Bauweise des Gebäudes. So lebte man mit dem Kompromiss einer teilweisen Nutzung der Kriegsruine als Lager.

Zufahrtsbereich zur Halle mit nachträglich eingebauten Räumen zwischen den Betonpfeilern
Teile des Untergeschosses fanden nach dem Krieg als Lager- und Büroräume weitere Verwendung
Leerstehender Seitenflügel im Obergeschoss mit teilweise fehlendem Dach über dichter Moosschicht am Boden
Das Obergeschoss südlich vom Mittelschiff ist dem darüber stehenden Himmel unvermittelt nah

Das Gebäude des Sauerstoffwerkes war durch Demontage und Sprengungen zwar stark beschädigt, doch ein kompletter Abriss fand nicht statt. Während der Bauarbeiten für die Marinedienststelle im Haupthafen Peenemünde richtete die ausführende Baufirma Lagerräume und ein Büro in der Hülle des Werkes ein. Der Rest des Gebäudes überdauerte als teilgenutzter hohler Zahn die Zeiten der DDR. Die dauerhafte Nutzung von Provisorien war nichts ungewöhnliches. Im militärischen Sperrgebiet störte sich zudem niemand am Anblick der Halbruine. Kraftwerk und Sauerstoffwerk verblieben so als einzige Großbauten der umfangreichen Anlagen der ehemaligen Heeresversuchsanstalt erhalten.

Blick zwischen Betonträgern und Resten einer massiven Mauer auf leere Fensterfront im Innern
Der Blick in manche Ecken zeigt Spuren von Zerstörung, Leerstand und jahrzehntelangem Verfall
Treppenaufgang hinter beschmierter Betonwand, umgeben von Bauschutt und Vegetation
Allein die Sicherungskosten sollen sich auf mehr als zwei Millionen Euro belaufen
Weitläufige Halle mit massiven Betonwänden und zahlreichen Pfeiklernm, am Boden Moos und kahle Bäumchen
Nach dem Krieg transportierte man die technischen Anlagen ab, der Komplettabriss scheiterte

Mit der Auflassung des Militärstandortes Peenemünde kamen ehrgeizige Pläne zur Nachnutzung auf, doch wirtschaftliche Berechnungen sorgten rasch für Ernüchterung. Das Gebäude des Sauerstoffwerks stand bald unter Denkmalschutz, was zwar seinen generellen Fortbestand sicherte, aber auch konkrete Sanierungsarbeiten immer wieder verhinderte. Dennoch mangelte es nicht an Plänen und Investoren, die aber zumeist an der Realitäöt scheiterten. Im Jahr 2013 kaufte die Gemeinde das Gebäude von einem Berliner Unternehmer zurück. An der planerischen Pattsituation änderte das jedoch nichts.

Straßenseite des Sauerstoffwerkes mit leeren Fensteröffnungen in der Klinkerfassade hinter Wildwuchs
An der Straßenfassade ist der ruinöse Zustand des Sauerstoffwerks deutlich zu sehen

Neue Wege gesucht

Angesichts nicht zu beseitigender militärischer Altlasten setzt man seit einigen Jahren auf eine sanfte touristische Entwicklung unter Einbeziehung der historischen Gegebenheiten. Wichtiger Ankerpunkt ist das Historisch-Technische Museum im ehemaligen Kraftwerk. Aus Sicht des Museums und des Denkmalschutzes sind die Reste der Fabrik ein wichtiger Artefakt, bei der Gemeindeverwaltung wiederum favorisiert man einen Abriss. Allein die Sicherung wird mit zwei Millionen Euro veranschlagt, ein Betrag, der die Möglichkeiten des 300-Seelen-Ortes bei weitem übersteigt. Ob das Sauerstoffwerk zur Peenemünder Denkmal-Landschaft gehören wird, bleibt offen.

Bauzaun mit Warnhinweis vor der Verladerampe an der teilzerstörten Stirnseite des Werks
Aufgrund maroder Bausubstanz sicherte man das Sauerstoffwerk mit einem Bauzaun
Blick über Brachfläche zum alten Kraftwerksgebäude hinter einer Kranbahn auf dem Hof
Die Eröffnung des Museums im alten Kraftwerk markierte im Jahr 2012 einen Neubeginn
Blick in das Kesselhaus des Kraftwerks mit Kesselanlagen und Anzeigen
Die Kesselanlagen des Kraftwerks geben einen authentischen Einblick in alte Technik

  Nachtrag April 2023

Hofseite des Sauerstoffwerks hinter Bauzaun und Sandhaufen einer Baustelle
Es tut sich (mal wieder) etwas am Sauerstoffwerk, im Mai 2023 liefen Vorbereitungsmaßnahmen für einen Umbau
Sonnenstrahlen und Schattenspiele auf Beton des Stahlbeton-Skeletts
Auch mit den Lichtspielen der ersten Strahlen der Morgensonne wirkt der kathedralenhafte Bau beeindruckend

Kommt nun doch ein Happy End? Die Nürnberger Immobilien-Firma terraplan erwarb das Objekt 2022. Es sollen Ferienwohnungen und Wohnungen entstehen, auch öffentlich zugängliche Räume und eine Ausstellung sind geplant. Die Einbauten in das Stahlbeton-Skelett sollen dabei in Holzbauweise erfolgen, um den Charakter der 70 Meter langen, 21 Meter hohen und 20 Meter breiten Halle nicht zu zerstören. Die Firma hat einschlägige Erfahrungen, ihr Umbau des Olympischen Dorfes von 1936 in Elstal erhielt den German Design Award 2020.