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  WEGE & PFADE

Hafen in Insellage

Jahrzehnte auf dem Trockenen

Leipzig wäre gern eine Seestadt geworden, wie es ein Gedicht der Leipziger Mundart-Dichterin Lene Voigt auf den Punkt bringt. Doch aus dem Traum einer Kanal-Verbindung zu den Weltmeeren ist über Jahrzehnte und Jahrhunderte schlichtweg nichts geworden.

Speichergebäude Hafengelände
Als vergessene Brachfläche lag der Lindenauer Hafen über Jahrzehnte unbeachtet am westlichen Stadtrand

Ideen, Ansätze und Projekte zur Anbindung an die Weltmeere gab es eine ganze Reihe. Zwei davon haben in halbfertigem Zustand die Zeiten überdauert: Ein elf Kilometer langer Kanalabschnitt zwischen Wüsteneutzsch, wenige Kilometer vor der Saale und dem Hafen in Leipzig-Lindenau. Auch wenn das Kanalende in Leipzig lediglich ein 75 Meter breite Landstreifen vom Hafen trennt, verharrte das Areal jahrzehntelang in Insellage. Die Versuche, Leipzig an das Netz schiffbarer Wasserstraßen anzuschließen, währten bereits wesentlich länger und verliefen allesamt erfolglos. Mit dem heutigen Karl-Heine-Kanal sollte ab 1856 erstmals ein Flussbauprojekt von der Weißen Elster westwärts in Richtung Saale vorstoßen.

Kanalbau bleibt im Ort

Doch dieser Kanalbau diente vor allem zur Erschließung des Leipziger Westens und des Plagwitzer Industriereviers. Mit dem Aushub legte man Sumpfgebiete trocken, Baumaterial wiederum konnte auf dem Wasserweg herantransportiert werden. Doch eine Fernverbindung zur Saale blieb in weiter Ferne, in vier Jahrzehnten entstanden gerade einmal knapp dreieinhalb Kilometer Kanal. Der Leipziger Industriepionier Karl Heine wäre wohl nie auf die Idee gekommen, sich mit einem solchen Projekt in den Bankrott zu graben. Die Bauarbeiten endeten 1898 vor der Luisenbrücke im Zuge der Lützner Straße. Dort waren für die federführende Westend-Baugesellschaft vor allem die Kiesschichten der Schönauer Flur von Interesse, auf die sich der Leipziger Bauboom der vorletzten Jahrhundertwende stützte.

Südflügel des Mittellandkanals

Mitte der 1920er Jahre erfolgte ein weiterer Anlauf, um eine Verbindung von der schiffbaren Saale nach Leipzig zu schaffen. Im Juli 1933 liefen nach langem Hin und Her bei Burghausen groß angelegte Bauarbeiten an, um mit dem Saale-Leipzig-Kanal einen Südflügel des Mittellandkanals herzustellen. Jahre später war es eine der größten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Reichsarbeitsdienstes, doch der Kanalbau erwies sich wenig später als flügellahm und wurde im Februar 1943 hinter kriegswichtigeren Projekten zurückgestellt. Neben dem halb ausgebauten Hafen in Leipzig-Lindenau verblieben elf Kilometer Kanal, etwa zwei Kilometer bereits ausgeschachtete Strecke sowie der ein Kilometer lange fehlende Rest von Kreypau zur Saale. In dieser Konstellation überdauerten Kanal und Hafen nahezu unangetastet gut sieben Jahrzehnte.

Schleusentreppe Wüsteneutzsch
Die geplante Schleusentreppe in Wüsteneutzsch ist Fragment geblieben, hier die obere Schleusenkammer

Halbfertiges allerorten

Für den Leipziger Hafen waren insgesamt zwei Umschlag-Hafenbecken und zwei Industriehafenbecken geplant. Baulich umgesetzt wurde davon lediglich das Umschlagbecken I mit einer Länge von 1000 Metern, einer Breite von 70 Metern und einer Tiefe von ursprünglich 6 Metern. Westlich davon sollte das gleich große Umschlagbecken II entstehen. Vom angefangenen Bau des Hafenbeckens III, das im Industriehafen östlich der heutigen Brünner Straße geplant war, zeugte lange Jahre noch eine wenig beachtete halb verschüttete Brücke im Zuge der Lützner Straße. Die vier über die Jahrzehnte errichteten Speichergebäude am Hafen waren seit ihrer Fertigstellung ungeachtet ihrer Wasseranbindung alle dauerhaft in Betrieb.

Brückenrückbau an der Lützner Straße
Unter dieser längst abgerissenen Brücke an der Lützner Straße sollte der Wasserweg zum Lindenauer Industriehafen III führen

Der mittlere der alten Hafenspeicher, gut lesbar für die damalige Hafen-Lagerhaus-Gesellschaft HA-LA-GE errichtet, diente als Getreidesilo, südlich davon liegen die noch heute genutzten Betriebsanlagen des Leipziger Kraftfuttermischwerkes. Im nördlichen Bereich des Hafens befand sich das Silo des ehemaligen VEB Hopfenverarbeitung, 1972 aus dem halbstaatlichen Betrieb M.R.A. Schneider hervorggegangen. Am 14. Mai 1964 zerstörte eine Staubexplosion Teile des Gebäudes, die daraufhin stillgelegt werden mussten. Ungeachtet der Beschädigungen steht das Gebäude bis heute.


Speichergebäude am Hafen
Die vier Speichergebäude Lei-Kra, Rhenus, HA-LA-GE und M.R.A. Schneider (von hinten) an der Ostseite der Hafenanlage

Brachland wird plattgemacht

Die Handelsstadt Leipzig hatte einen unschiffbaren Hafen, der in nächster Nähe zum Landschaftsschutzgebiet Schönauer Lachen vor sich hin schlummerte. Mit der Leipziger Olympia-Bewerbung endete im Jahre 2002 der Dornröschenschlaf des Geländes – zumindest auf Planungsebene. Die ehrgeizigen Pläne sahen vor, auf dem Hafengelände das Olympische Dorf entstehen zu lassen. Auch nach dem Platzen der peinlichen Olympia-Blase blieb das zentrumsnahe Grundstück mit möglicher Wasseranbindung von Interesse. Um die Ruhe war es geschehen. Im Olympia-Jahr 2012 erfolgte schließlich der erste Spatenstich zum neuen Stadtquartier im Leipziger Westen.

Vorbereitetes Kanalbett
Im Herbst 2014 war unterhalb der Luisenbrücke das neue Kanalbett für den Durchstich zum Hafen bereits profiliert

Mit der Beräumung des gut vier Hektar großen Areals begann auf der südlichen Seite die Anbindung des Hafens an das Leipziger Gewässernetz. Am 29. Januar 2015 erfolgte schließlich die Flutung des 665 Meter langen Abschnitts zwischen dem Karl-Heine-Kanal und dem Hafenbecken. Durch die späte Anbindung an die Weiße Elster endete zumindest einseitig die Insellage des Lindenauer Hafens. Der Durchstich über die verbleibenden 75 Meter zum Elster-Saale-Kanal soll laut einem Stadtratsbeschluss zur touristischen Nutzung ab dem Jahr 2018 in Angriff genommen werden. Eine Realisation dürfte länger auf sich warten lassen.

Gleisreste am Hafen
Fünf Jahre zuvor begannen die Beräumungsarbeiten des Hafengeländes, der Abraumhügel und das Industriegleis P X sind längst Geschichte

Durchstichgelände
Die vorbereitete Baustelle des Kanaldurchstiches von der Luisenbrücke in Richtung Hafen gesehen

Altbebauung Hafengelände
Ungenutzte Barackenreste: Blick vom ehemaligen Ende des Hafenbeckens in Richtung Lützner Straße

Hafenbecken
Das Hafenbecken am 29. Januar 2011 - auf den Tag genau in vier Jahren wird die Anbindung an den Karl-Heine-Kanal erfolgen


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