GESCHICHTEN

Die bestversteckte Stadtansicht

Fast perfekt auf populärster Geldnote

Eine Stadtansicht Leipzigs haben viele in ihren Händen gehalten. Aufgefallen ist das nur wenigen, auch nicht den als findig geltenden Leipzigern. Die Geschichte beginnt zu einer Zeit, als die D-Mark in Leipzig noch als Forum-Schecks oder blaue Fliesen im Umlauf war.

Vorderseite 100-DM-Schein
Weder die 100-DM-Note noch Clara Schumann dürften unbekannt sein, die Leipziger Stadtansichten darauf sind es schon

Im Frühjahr 1981 beschloss der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank, die damals seit 20 Jahren existierende Serie der D-Mark-Scheine durch eine neue zu ersetzen. Gut acht Jahre später stellte die Bundesbank die ersten neuen Banknoten der Öffentlichkeit vor. Dazwischen lag ein langer Weg. Da Geldscheine auch Statussymbole und nicht nur simples Zahlungsmittel sind, legte man neben der Entwicklung weitgehend fälschungssicherer Scheine auch großen Wert auf die künstlerische Gestaltung.

Schwierige Entscheidungen

Drei zu Rate gezogene Historiker empfahlen, allzu bekannte Persönlichkeiten wie Goethe oder Schiller auszulassen, bei der Auswahl weder politisch noch konfessionell zu provozieren und zudem eine gewisse Frauenquote einzuhalten. Die erste Auswahlliste benannte für die acht Scheine immerhin achtzig mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten, von denen gut die Hälfte in eine engere Wahl kam. Unter ihnen war auch die aus Leipzig stammende Pianistin Clara Schumann.

Dass sie später gerade auf den Hunderter gelangte, ist dem Umstand geschuldet, dass von der Malerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian, deren Konterfei ursprünglich den Schein zieren sollte, dem Grafiker kein brauchbares Porträt zur Verfügung stand. Ungünstig war zudem, dass Merian an der Basedowschen Krankheit litt, einem Leiden das dafür sorgt, dass die Augen hervortreten. Der Zeitplan hingegen drängte, denn der neue 100-DM-Schein sollte als erster der Serie erscheinen. Mit 40 Prozent Anteil am gesamten Banknotenumlauf war er die weitverbreitetste D-Mark-Note.

Zufälliger historischer Glücksgriff

Die Stadtansicht von Leipzig ist ebenfalls durch die Hintertür auf den Schein gelangt. Clara Schumann lebte längere Zeit in Frankfurt am Main, doch die hessische Metropole war bereits durch den Chemiker Paul Ehrlich auf dem 200-DM-Schein vertreten. Da es keine doppelten Belegungen geben sollte, entschied man sich 1988 für Motive aus dem Stadtbild ihres Geburtsortes Leipzig. Bereits ein Jahr später erwies sich diese Entscheidung vollkommen unerwartet als weitsichtig wirkender Glücksgriff. Doch keine Häme: Im Umgang mit historischen Persönlichkeiten verliefen die deutschen Grenzlinien ohnehin entlang seltsam verschlungener Pfade: Die Herren Goethe, Engels und Marx auf den Geldnoten der DDR stammten schließlich aus Frankfurt am Main, Barmen und Trier, allesamt BRD.

Leipziger Bauwerke und Stadtansichten
Historische Leipziger Bauwerke sind gut sichtbar auf der Vorderseite platziert

Verstecktes und Vergessenes

Auf der Vorderseite des Geldscheines, hinter der letzten Null, sind das Romanushaus und die Alte Waage, letztere noch mit dem 1861 abgebrochenen Treppenturm zu erkennen. Dahinter stehen mit dem zweiten Gewandhaus und dem Alten Theater zwei bedeutende Konzerthäuser. Beide Gebäude, das eine in der Beethovenstraße, das andere an der Rannischen Bastei zwischen Brühl und heutigem Goerdelerring, fielen im zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche. Hinter der Lyra steht in voller Breite das Alte Rathaus. Darüber sind entlang des Sicherheitsstreifens die markanten Türme der Thomas- und Nikolaikirche auszumachen.

Oberhalb der Lyra kann man noch den Giebel des Geburtshauses Clara Schumanns sehen. Das „Hohe Lilie“ genannte Gebäude überstand den Zweiten Weltkrieg und spätere Stadtumbauten nicht. Eine Gedenktafel am inzwischen geschlossenen Karstadt-Kaufhaus erinnert heute an den geschichtsträchtigen Ort in der Musikstadt Leipzig. Ebenfalls der Vergangenheit gehören das Grimmaische Tor und die 1968 gesprengte Universitätskirche an, deren Silhouette das Stadtensemble auf dem Geldschein rechts oben abschließt.

Darstellung des Zwickauer Schumann-Flügels
Dem André-Stein-Flügel Clara Schumanns spendierte der Grafiker leider ein Pedal zuviel

Die Geldscheine gestaltete der Bundesdruckerei-Grafiker und begeisterte Hobby-Musiker Reinhold Gerstetter. Allerdings unterlief dem detailverliebten Gerstetter bei der Gestaltung ausgerechnet seines Lieblingsscheines ein kleiner Fehler: Der dargestellte Flügel hat vier Pedale. Das war damals durchaus üblich, doch Clara Schumann spielte einen modernen Flügel mit drei Pedalen, der damals für ihn schlecht erreichbar in Zwickau im Robert-Schumann-Museum stand.

Mit der Einführung des Euro waren die neuen D-Mark-Scheine bereits am 1. Januar 2002 Geschichte. Wer sich die bekannteste unbekannte Darstellung Leipzigs noch einmal ansehen möchte, ist auf den Fundus treuer Sammler oder das unstete Bildergedächtnis des Internets angewiesen. Lokalpatriotische Noch-Besitzer eines 100-DM-Scheines sollten ihn auf jeden Fall gut aufbewahren. Die Chancen Leipzigs, noch einmal auf einen Geldschein zu gelangen, fallen sehr gering aus: Auf der Gemeinschaftswährung werden keine realen Orte und Objekte dargestellt, daneben verdichten sich die Rufe nach der generellen Abschaffung von Bargeld.



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